Ein Kind sitzt in der Ecke des Raumes. Es schaukelt vor sich hin, sein Blick hetzt unruhig durch den Raum. Mit seinen Händen rollt es Murmeln von einer auf die andere Seite, immer und immer wieder. An seinen Armen sieht man Narben und verschorfte Wunden.
Ein anderer Raum, ein anderes Kind. Dieses Kind sieht auf den ersten Blick normal aus. Es sitzt am Tisch und liest in einem Buch. Es schaut kurz auf, wenn jemand den Raum betritt, doch es vermeidet den direkten Blick in die Augen des Eintretenden.
Auch wenn diese beiden Kinder auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben, verbindet sie doch etwas: beide Kinder sind Autisten. Während das erste Kind das Kanner-Syndrom hat, ist das zweite Kind vom Asperger-Syndrom betroffen - beides Formen des Autismus.
Doch was ist Autismus eigentlich? Autismus ist eine genetisch bedingte oder früh erworbene Funktionsstörung des Gehirns. Es wird vermutet, dass Gene auf den Chromosomen 2, 7, 16 und 17 Autismus begünstigen. Die einzelnen Hirnfunktionen wie Sehen, Fühlen, Reden, Motorik und so weiter sind organisch bzw. anlagemäßig so, dass sie wie bei einem Gesunden arbeiten könnten. Aber die übergeordnete Gehirnfunktion, die das alles miteinander verbindet und regelt, ist beeinträchtigt. Der Autist möchte dann z. B. etwas sagen, er ist organisch dazu in der Lage, aber er kann es einfach nicht. Er möchte etwas nehmen, aber der Befehl dazu kommt nicht an der Hand an.
Es gibt - wie bereits vorhin schon erwähnt - zwei Hauptrichtungen des Autismus. Die bekanntere Form ist das Kanner-Syndrom. Es äußert sich darin, dass die Betroffenen vollständig in sich gekehrt sind, immer wieder dieselben Bewegungen wiederholen, bei Berührungen zu Panikattacken, Schreien und Selbstverletzungen neigen. Diesen Menschen fehlt weitgehend die Fähigkeit, Gefühle und Gedanken anderer zu erkennen. Sie können Gesichtsausdrücke nur schlecht entziffern. Ist das Wut, Schmerz, Angst oder Freude?
Wenn man bedenkt, dass 93 % der Kommunikation nonverbal ablaufen, also über Mimik, Tonfall, Blicke und Ähnliches, bedeutet dies, dass Autisten bildlich gesehen nur 7 von 100 Wörtern verstehen. Nur 7 Wörter ergeben für sie einen Sinn. Um zumindest diesen Aspekt etwas abzuschwächen, wurde eine elektronische Enzyklopädie der Gefühle von einem Autisten entwickelt, bei der bestimmte Gesichtsausdrücke und Stimmen bestimmten Gefühlsregungen zugeordnet werden. Durch Auswendiglernen ist es dann auch Autisten möglich, zumindest einen Teil der nonverbalen Kommunikation zu verstehen.
Ein weiteres Problem ist, dass all die Sinnesreize, die von außen auf einen Autisten treffen, in Teilbereichen als gleichstark wahrgenommen werden. So kann es z. B. sein, dass ein Autist, der gerade angesprochen wird, auch alle anderen Geräusche wie das Ticken der Uhr, das Rauschen des entfernten Verkehrs, das Flugzeug über ihm und das Piepen eines kleinen Vogels vor dem Fenster als genauso laut empfindet wie die Worte des anderen. Wie soll er erkennen, welches dieser Geräusche in diesem Moment das wichtigste ist? Nach welchen Kriterien soll er entscheiden, welches der Geräusche er ausblenden kann? Eine solche Sinnesüberflutung, die auch in anderen Sinnesbereichen wie sehen oder riechen stattfinden kann, führt häufig zu einer Überforderung. Er reagiert nicht auf die Worte und ist unerreichbar für denjenigen, der Kontakt mit ihm aufnehmen will.
Häufig bestehen Autisten mit dem Kanner-Syndrom auf einer Gleicherhaltung der Umweltbedingungen. Auf Veränderungen reagieren sie mit Panik und Angst und zeigen stereotype, also sich immer wiederholende Verhaltensweisen wie bestimmte Bewegungen, Äußerungen und Haltungen.
Dieses zwanghafte Bestehen auf Gleicherhaltung der Umwelt äußert sich z. B. auch so, dass immer alles an seinem Platz zu stehen hat, dass immer derselbe Weg genommen werden muss, dass immer dasselbe gegessen werden muss. Jede kleine Veränderung, z. B. ein Umweg wegen einer Baustelle kann zu einem Wutausbruch, zu Selbstverletzung und ähnlichem führen.
Viele Autisten leiden unter Sprachauffälligkeiten. Dazu zählt eine verzögerte Sprachentwicklung ebenso wie das erst späte Bezeichnen der eigenen Person als "Ich". Häufig wird Sprache nicht kommunikativ genutzt. Autisten "unterhalten" sich nicht, Smalltalk ist ihnen fremd. Geprägt ist die verwendete Sprache durch Wortneuschöpfungen, so genannte Neologismen, aber auch durch eine Grammatik, die nicht den gängigen Regeln entspricht.
Häufig ist auch die Intelligenzentwicklung autistischer Menschen gestört. 75% sind in ihren geistigen Fähigkeiten eingeschränkt. Die Einschränkung hängt aber von der Ausprägung des Autismus ab. Einige Autisten zeichnen sich aber dadurch aus, dass sie in bestimmten Gebieten erstaunliche Fähigkeiten haben. Sie sehen auf einen Blick, ob von ihren Murmeln eine fehlt, sie haben enorme meteorologische Kenntnisse etc.
Allerdings ist es schwierig, das Intelligenzniveau festzustellen, da viele Autisten sich sprachlich nicht oder nur eingeschränkt äußern können. Sie haben auch häufig nicht die Fähigkeit, sich durch Schreiben mitzuteilen. Inzwischen wurde eine Art der Kommunikation entwickelt, die "Gestützte Kommunikation" genannt wird. Dabei wird die Hand des Autisten so gestützt, dass er in der Lage ist, z. B. auf einer Computertastatur zu schreiben. Durch die Stütze erhält der Autist die Sicherheit, die er braucht. Er bekommt Unterstützung bei der Koordination seiner Bewegungen und dem Nach-Außen-Bringen seiner Gedanken.
Birger Selin, ein Autist, der gelernt hat, sich auf diese Weise auszudrücken, formulierte das so: "In unendlicher kettenartiger Folge strömen jahrelang wieder und wieder Unsinnigkeiten durch Innere. In diesem Chaos irren wir orientierungslos umher, ohne Raum und Zeitverständnis, Inseln sind unsere Wissensgebiete."
Eine andere Form des Autismus ist das Asperger-Syndrom. Diesen Betroffenen sieht man es auf den ersten Blick nicht an, dass sie unter Autismus leiden. Diese Menschen versuchen, möglichst wenig anzuecken. Aber sie sehen anderen Menschen ungern in die Augen, sie vermeiden Körperkontakt wie etwa das Händeschütteln. Gespräche verunsichern sie. So würden sie normalerweise auf die Frage nach ihrem Wohlbefinden einen genauen medizinischen Zustandsbericht abgeben oder die Frage nach dem Wetter mit meteorologischen Erkenntnissen beantworten. Ihnen ist es fremd, dass man all das nur um des freundschaftlichen Kontaktes willen erfragt.
Die normale Konversation, die wir tagtäglich bestreiten, fällt Asperger-Betroffenen sehr schwer. Diana, eine junge Frau, die ebenfalls vom Asperger-Syndrom betroffen ist, schildert ihre Probleme folgendermaßen:
"Verkehrt Reden: nicht wissen, wann ich dran bin mit Reden in einer Konversation mit einer oder mehreren Personen, Dazwischenreden, Dinge sagen, die der Meinung der anderen nach überhaupt nicht in den Kontext passen, obwohl sie mir selber logisch erscheinen. Oft stolpere ich beim Reden über Wörter oder Silben, verhake mich in der Grammatik, finde das passende Wort nicht, rede zu schnell oder zu langsam, zu laut oder zu leise.
Außerdem rede ich mit mir selber - gebe mir Anweisungen, was ich tun muss, beispielsweise: "Jetzt steh auf und nimm Dienen Rucksack." "An der nächsten Ampel musst du links abbiegen - denk daran!" "Zieh Dir endlich Deine Schuhe an!". Ebenso, wie ich mir selber laut verbale Anweisungen gebe, verfahre ich auch mit Gegenständen und leblosen Dingen: "Nein, Du Stift wirst mir jetzt nicht die Finger bemalen, sondern ganz brav die Hülle aufschieben lassen." "Kanne, musst Du denn alles danebengießen?" Wenn ich vergesse, in Gesellschaft zu sein, kann dies mitunter sehr befremdlich – oder aber vergnüglich - wirken."
Im Laufe ihres Lebens lernen Asperger-Betroffene, dass auf die Frage nach dem Wohlbefinden lediglich ein "danke, gut" erwartet wird. Durch Schauspielerei verbergen sie, was sie eigentlich antworten wollen. Sie unterdrücken ihr eigentliches Verhalten, um sich unserer Gesellschaft und unseren Normen anzupassen. Aus diesem Grund sind sie in der Regel lieber alleine als mit anderen Menschen zusammen. Es ist für sie weniger anstrengend, da sie sich nicht verstellen müssen, nicht eine Rolle spielen müssen, die sie eigentlich nicht mögen.
Es besteht keine Einigkeit darüber, ob man diese Entwicklungsstörung als Persönlichkeitsstörung betrachten soll oder einfach nur als eine Art der Persönlichkeit, die uns nicht so bekannt ist. Manche Autisten schaffen es, trotz ihrer so von uns unterschiedlichen Persönlichkeit, glücklich zu werden. Viele von ihnen vergleichen sich mit Aliens, also mit Außerirdischen. Sie sind - in ihren Augen - völlig normal. Sie leben nur auf einem Planeten, auf dem fast alle anderen irgendwie anders sind.
Charakteristisch sind die hochspezialisierten Sonderinteressen der Betroffenen. Dazu zählt z. B. das Auswendiglernen von Fahrplänen, ein hochspezifisches Interesse für das Wetter oder die Kenntnis über die Schmelzpunkte aller Metalle. Doch oft schaffen sie es, aufgrund dieser Spezialkenntnisse einen Platz in unserer Gesellschaft zu finden. Es wird vermutet und anhand von verschiedenen Aspekten belegt, dass bekannte Persönlichkeiten wie z. B. Albert Einstein, Wassily Kandinsky, Anton Bruckner oder Wolfgang Amadeus Mozart ebenfalls vom Asperger-Syndrom betroffen waren. Natürlich wurde das früher nicht als solches erkannt, doch zeichneten sie sich ja durch ganz spezifische Interesse, gar durch eine Art Besessenheit aus, die ihnen zu Anerkennung und Bewunderung durch die übrige Bevölkerung bis in unsere Tage hinein verhalf.
Wahrscheinlich sind noch viel mehr Künstler betroffen, die als exzentrisch galten oder auch heute gelten. Denn Kunst ist eine wichtige Ausdrucksform für Menschen mit Asperger Syndrom und häufig eine Möglichkeit, den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten. Es liegt an uns, an der "normalen" Gesellschaft, Autisten dazu Gelegenheit zu geben und sie ihr Leben so leben zu lassen, wie sie es für sich selbst am besten finden.
Autor: : root -- 5.9.2006 11:36:24
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Kommentar von am 14.3.2006 20:37:51
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Kommentar zu Autismus
Der Artikel hat mir verschiedene Sichtweisen für den Autisten gegeben!Für meine arbeit im Kindergarten konnte ich mir einige Infos holen...