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Tourette-Syndrom

Wahrscheinlich hat jeder schon mal zu einem anderen gesagt: Du tickst doch nicht richtig. Du hast doch einen Tick. Das, was wir manchmal nur so daher sagen, trifft bei einigen Menschen zu. Sie haben Tics. Diese Tics sind charakteristisch für ein bestimmtes Krankheitsbild, für das Tourette-Syndrom.

Das Tourette-Syndrom ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics charakterisiert ist. Unter Tics versteht man unwillkürliche, rasche und mitunter sehr heftige Bewegungen, die immer wieder in gleicher Weise einzeln oder serienartig auftreten können.

In der medizinischen Literatur wurde das Tourette-Syndrom das erste Mal im Jahre 1825 beschrieben. 1885 beschrieb Dr. Georges Gilles de la Tourette, ein französischer Nervenarzt neun Fälle, darunter auch den einer adeligen Dame. Sie zeigte unwillkürliche motorische Tics und auch verschiedene Lautäußerungen, darunter auch Echolalie, das ständige Wiederholen bestimmter Wörter. Vor allem die Muskelzuckungen sind charakteristisch für das Tourette-Syndrom.

Da bei vielen Betroffenen die Diagnose noch nicht gestellt wurde, kann die Zahl der Erkrankten nur geschätzt werden. Wenn man davon ausgeht, dass etwa 5 von 10.000 Personen unter verschieden stark ausgeprägten Formen des Tourette-Syndroms leiden, leben in Deutschland etwa 40.000 Personen mit dieser Krankheit.

Man unterscheidet in der Regel zwischen einfachen und komplexen Tics. Einfache motorische Tics sind z. B. Augeblinzeln, Kopfrucken, Schulterrucken oder auch Grimassen schneiden. Einfache vokale Tics sind räuspern, fiepen, quieken, grunzen oder mit der Zunge schnalzen. Komplexe motorische Tics können sich unter anderem in Sprüngen äußern, in Körperverdrehungen oder manchmal sogar in selbstverletzendem Verhalten. Das Herausschleudern von unzusammenhängenden Worten und kurzen Sätzen gehört zu den komplexen vokalen Tics ebenso wie das ständige Wiederholen von Lauten und Wortfetzen und auch die Koprolalie, das Ausstoßen obszöner Worte, die teilweise von entsprechenden obszönen Gesten begleitet werden.

Es ist wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass solche Tics nicht mit kleinen Marotten verglichen werden dürfen, die wohl jeder von uns hat. Der Unterschied besteht darin, dass man einen Tic zwar über einen gewissen Zeitraum unterdrücken kann, dass man ihn sich aber nicht einfach abgewöhnen kann. Über das Verschwinden und Wiederauftreten eines Tics hat der Patient keine Kontrolle. Eine Marotte jedoch kann man sich - mit einiger Willensstärke - abgewöhnen, so dass die unerwünschte Verhaltensweise nicht mehr auftritt.

Häufig beginn die Krankheit mit Gesichts-Tics wie z. B. Augenblinzeln, plötzliches rasches Augen zusammenkneifen, Verziehen des Mundwinkels oder plötzliches Mundöffnen. Es können aber auch unwillkürliche Lautäußerungen wie Räuspern und Nase rümpfen oder Muskelzuckungen im Extremitätenbereich wie z. B. plötzliches Armbeugen als erste Zeichen gesehen werden. Manchmal beginnt die Störung abrupt mit mehreren Symptomen, Muskelzuckungen und Lautäußerungen treten dann nahezu gleichzeitig auf.

Bei diesen und anderen Symptomen ist bezeichnend, dass sie mehrfach am Tag auftreten, fast jeden Tag auftreten und sich dieser Zeitraum auf mehr als ein Jahr erstreckt. Dabei sind Anzahl, Häufigkeit, Art und Lokalisation der Tics unterschiedlich ausgeprägt. Manchmal können die Symptome für Wochen oder Monate verschwinden, tauchen dann aber wieder unvermutet auf. Die Erkrankung an sich beginnt meist im siebten oder achten, fast immer aber vor dem 21. Lebensjahr.

Oftmals können Außenstehende nicht begreifen, dass diese Tics unwillkürlich sind. Die vom Tourette-Syndrom betroffenen Personen können nur in Grenzen etwas dagegen unternehmen. Viele von ihnen haben eine gewisse Eigenkontrolle über ihre Symptome. Durch diese Eigenkontrolle werden die Tics aber nur zeitlich hinausgeschoben, manchmal nur um Sekunden, manchmal aber auch um Stunden, und führen dann zu einer oft schweren "Tic-Entladung". Ein wenig kann man diese Tics mit dem Drang zum Niesen vergleichen oder mit einem Schluckauf. Manchmal gelingt es, das Niesen zu unterdrücken, doch in der Regel nur für einen kurzen Moment. Noch besser kann man aber Tics mit dem Gefühl vergleichen, wenn man abends im Bett liegt und schlafen möchte. Manchmal geht dann ein Zucken durch den ganzen Körper. Danach ist man völlig entspannt und kann einschlafen. Dieses Ereignis ist einem Tic sehr ähnlich.

Menschen mit einem TS suchen oft eine geschützte Umgebung (z. B. Familie), um ihren Symptomen freien Lauf zu lassen, nachdem sie versucht haben, sie bei der Arbeit oder in der Schule zu unterdrücken. Typischerweise nehmen Tics bei ärgerlicher oder freudiger Erregung, innerer Anspannung oder Stress zu. In entspanntem Zustand - z. B. morgens nach dem Aufstehen - oder bei Konzentration auf eine interessante Aufgabe lassen sie eher nach.

Manchen Menschen, die jemandem mit dem Tourette-Syndrom begegnet sind, denken, dass diese aggressiv sind. Doch die manchmal zu beobachtende Aggressivität steht vielfach im Zusammenhang mit den Zwangsimpulsen, die andrängen und bestimmte Handlungen fordern. Oftmals kommt es zu einer Unzufriedenheit, weil der Tic bzw. der Zwang nicht so umgesetzt werden kann, wie es der innere Drang vorgibt. Stattdessen treten Zuckungen und Lautäußerungen auf, die ähnlich sind. Dies kann dann zu einer mangelnden Kontrolle der aufwallenden Gefühle führen, wodurch aggressive Tendenzen entstehen können. Allerdings sind diese Aggressivitäten normalerweise nicht gegen andere Menschen gerichtet. Häufiger treten Autoaggressionen auf, Aggressionen, die der Tourette-Patient gegen sich selbst richtet und die sich z. B. in Schlägen gegen die eigene Brust oder Wange äußern. Der Betroffene schafft es nicht, seine Impulse zu unterdrücken, wobei das vor allem in Situationen geschieht, in denen das Verhalten provokativ wirkt, wie z. B. Lautäußerungen in sehr stiller Umgebung.

In unserem Gehirn ist eine bestimmte Ansammlung von Nervenzellen für die Kontrolle von Bewegungen mit verantwortlich. Wenn diese Bewegungskontrolle aufgrund einer Störung spontan nicht ausreichend erfolgen kann, dann passiert es, dass Bewegungsmuster in Form von Tics nach außen gelangen. Man kann versuchen, diese Tics als Bewegungsmuster nicht zuzulassen. Dafür müssen dann willentlich andere Bereiche des Gehirns aktiviert und eingesetzt werden. Dadurch kann die mangelnde Kontrolle in den Nervenzellen ausgeglichen werden. Beim Vokaltic können bestimmte Muster von Lautäußerungen vom Gehirn nicht mehr gebremst werden. Selbst wenn der Betroffene merkt, dass eine solche Lautäußerung "auf dem Weg ist", kann er sie nicht mehr stoppen. Die meist extreme Lautstärke ist ein explosionsartiges Herausknallen von Lauten, manchmal auch von Wörtern, die als Gesamtmuster in unserem Gehirn vorhanden sind. Sie werden dort angestoßen, nicht automatisch gebremst und geraten dann unkontrolliert nach außen.

Die Ursache für das Tourette-Syndrom ist bisher noch nicht gefunden worden. Da es aber einige Erkenntnisse über die Stellen im Gehirn gibt, an denen sich beim Tourette-Syndrom Auffälligkeiten zeigen, kann man davon ausgehen, dass ein gestörter Stoffwechsel von zumindest einer chemischen Substanz im Gehirn vorliegt. Bei dieser chemischen Substanz handelt es sich um Dopamin, einen so genannten Neurotransmitter. Dieser Stoff ist im Gehirn verantwortlich für die Informationsweiterleitung. Vermutlich ist auch Serotonin, ein anderer Neurotransmitter, mit an dem Ungleichgewicht beteiligt. Jedoch gibt es darüber noch keine genaueren Erkenntnisse.

Ein richtiges Diagnoseverfahren für das Tourette-Syndrom gibt es aber nicht. Die Diagnose wird lediglich aufgrund der Beobachtung der entsprechenden Symptome gestellt. Aber es gibt keinerlei Blutanalyse oder irgendeine andere Art neurologischer oder psychologischer Untersuchungsverfahren, die die so entstandene Diagnose eines Tourette-Syndroms überprüfen. Um andere neuropsychiatrischen Erkrankungen ausschließen zu können, werden manchmal Elektroencepahlogramme, die so genannten EEGs, gemacht.

Die Mehrheit der Personen, bei denen das Tourette-Syndrom diagnostiziert wurde, ist durch ihre Tics oder ihre Verhaltensschwierigkeiten nicht wesentlich beeinträchtigt und benötigt deswegen keinerlei Medikation oder sonstige fachlichen Hilfen. Es gibt aber verschiedene Medikamente, die dem Betroffenen helfen, die Symptome der Krankheit besser zu kontrollieren. Diese werden vor allem dann eingesetzt, wenn die Symptome für den Betroffenen und seine Familie eine besondere Belastung darstellen. Aber auch einige alternative Behandlungsmöglichkeiten können eine Besserung bewirken. Entspannungsverfahren, Biofeedback-Techniken und andere verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen können z. B. dazu beitragen, dass Stressreaktionen vermindert werden. Zudem können sie die Selbstkontrolle der Tic-Symptomatik verbessern. So lernt ein Betroffener z. B., dass man einen sozial unangenehmen Tic eher durch eine Bewegung ersetzt, die sozial akzeptabler ist. Auch können sonstige psychotherapeutische Maßnahmen in Frage kommen, um einen Betroffenen und seine Familie zu unterstützen, damit der innere und äußere Umgang mit dem Tic besser gelingt.

Die Begegnung mit einem vom Tourette-Syndrom Betroffenen kann einen manchmal vergessen lassen, dass hinter diesen Tics ein Mensch steht, der genauso ernst genommen werden will und auch kann, wie jeder andere Mensch auch. Selbst wenn jemand vielleicht durch seine Bewegungen und auch Lautäußerungen provokativ, belustigend oder beängstigend wirkt, sollte man versuchen, mit ihm genauso normal und offen umzugehen, wie wir es tagtäglich auch mit anderen Personen machen.

Autor: : root -- 5.9.2006 11:57:20

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