Kennt Ihr eigentlich Bruno? Nein? Na, dann werde ich Euch mal von Bruno erzählen.
Bruno ist ein kleiner Bär. Er lebt in einem großen Wald mit vielen Vögeln, Hasen, Bienen und anderen Tieren inmitten von hohen Bäumen. Bruno ist noch recht jung. Aber er ist auch sehr neugierig und schaut sich gerne in seinem Wald um. Bisher war er noch nicht so weit von der Bärenhöhle weg, doch heute, an einem schönen Frühlingstag, will er mal weiter in den großen Wald hineingehen und die anderen Tiere kennen lernen.
Seine Bärenmama findet, dass das keine gute Idee ist. Sie hat immer ein bisschen Angst um Bruno, obwohl er eigentlich schon sehr stark ist. Doch Bruno ist halt etwas Besonderes. Er unterscheidet sich von anderen Bären in seinem Alter. Bruno hinkt nämlich. Irgendwie ist sein eines Bein nicht richtig mitgewachsen. Es ist kürzer als das andere. Deshalb kann Bruno nicht so weit, so schnell und so lange laufen wie andere Bären. Doch ihn selbst stört das nicht. Er hat von seinen Bäreneltern gelernt, dass er zwar anders ist als die anderen Bären, dass er aber trotzdem genauso viel machen kann wie diese.
Mit Hilfe seines Bärenpapas, der seine Neugier etwas gelassener als die Bärenmama sieht, hat Bruno seine Mama überreden können, auch mal ein stück weiter von der Höhle wegzudürfen. Also macht er sich gutgelaunt auf den Weg in den Wald. Seine Mama hat ihm einen kleinen Rucksack mit ein wenig Verpflegung gepackt. Gespannt und auch ein bisschen aufgeregt geht er dem Wald entgegen.
Auf einmal sieht Bruno, wie sich vor ihm neben einem großen Baum etwas bewegt. Zuerst erschreckt er sich. Doch dann erkennt er, dass es ein Reh ist, das dort grast. Er nimmt all seinen Mut zusammen, geht auf das Reh zu und spricht es an: "Hallo, Reh. Ich heiße Bruno und bin unterwegs, um den Wald kennen zu lernen und ein paar Freunde zu finden. Magst Du nicht mein Freund sein?" Das Reh sieht Bruno mit seinen großen braunen Augen etwas verwundert an: "Wie können wir denn Freunde werden? Du bist doch ein Bär. Und ich bin ein Reh. Und außerdem..." Hier spricht das Reh nicht weiter. "Was ist außerdem?" fragt Bruno etwas verunsichert. Das Reh druckst ein bisschen rum. Doch dann sprudelt es aus ihm heraus: "Und außerdem bist Du kein normaler Bär. Du hast ja ein kurzes Bein. Du kannst ja gar nicht so schnell laufen wie ich. Wie sollen wir denn da Freunde werden und miteinander spielen?"
Für kurze Zeit ist es ganz still. Bruno fängt fast an zu weinen. Doch dann schluckt er einmal und sagt mit zitternder Stimme: "Das ist doch egal, das ich anders bin als die anderen Bären und dass ich kein Reh bin. Trotzdem können wir Freunde werden. Im Verstecken-Spielen bin ich zum Beispiel ganz gut. Das kann ich besser als Fangen-Spielen. Wir können es doch mal versuchen." Das Reh denkt kurz darüber nach. Dann sagt es etwas zögerlich: "Na gut, wir können es ja mal probieren. Ach ja, ich heiße übrigens Shila."
Bruno ist ganz glücklich. Jetzt hat er direkt zu Beginn seines Ausfluges schon eine Freundin gefunden. "Magst Du mit mir ein bisschen den Wald erkunden, Shila?" fragt er. Shila nickt und gemeinsam machen sie sich auf den Weg.
Nachdem sie ein Stückchen gegangen sind, kommen sie an eine Weggabelung. "Wo geht es jetzt weiter?" fragt Shila. "Keine Ahnung," meint Bruno, "aber wir können ja mal auf einen Baum klettern und schauen, wo die Wege hingehen." Shila tritt verlegen auf der Stelle hin und her. "Was hast Du denn?" fragt Bruno. "Ich kann nicht auf Bäume klettern" antwortet Shila. "Das ist doch nicht schlimm," sagt Bruno, "du kannst zwar schnell laufen, aber nicht klettern. Ich kann klettern, aber nicht schnell laufen. Mich stört das nicht. Dann klettere ich schnell alleine hoch und sage dir, was ich von oben sehe." "Aber wir können trotzdem Freunde bleiben?" fragt Shila ganz erstaunt. "Na klar, das ist kein Problem."
Schnell klettert Bruno auf einen hohen Baum. Er schaut sich um und schnuppert ein wenig in der Luft herum. "Dort müssen wir entlang, wenn wir an den Fluss wollen, den wir eben von weitem gesehen haben!" ruft er runter. "Woher weißt Du das?" zwitschert es auf einmal so dicht neben ihm, dass er fast vor Schreck vom Baum gefallen wäre. Er sieht sich um und entdeckt neben sich eine kleine Meise. "Ich habe das gerochen." erklärt er ihr. "Oh, ich kann gar nicht riechen." piepst die Meise traurig. "Ach, das ist doch nicht schlimm. Jeder scheint irgend etwas zu haben, was er nicht oder nicht so gut kann. Ich zum Beispiel kann nicht so schnell laufen, weil ich ein kürzeres Bein habe. Und Shila da unten kann nicht auf Bäume klettern. Trotzdem sind Shila und ich befreundet." "Oh, darf ich auch Euer Freund werden?" zwitschert die Meise aufgeregt. "Na klar," meint Bruno, "komm, wir gehen wieder runter zu Shila, damit sie Dich auch kennen lernt." Unten stellt sich die Meise den beiden als Sabine vor. Zusammen ziehen die Freunde weiter Richtung Fluss.
Auf einer kleinen Lichtung im Wald setzen sich die drei neuen Freunde hin, um Mittagspause zu machen und den Proviant des kleinen Bären zu essen. Auf der anderen Seite der Lichtung sehen sie, wie ein Hase und eine kleine Feldmaus zusammen spielen. Die beiden werden auf die drei Freunde aufmerksam und kommen zu ihnen rüber. Der Hase meint: "Hallo. Ich heiße Friedolin. Und das ist Gabi. Was macht ihr drei denn hier?" Bruno antwortet: "Wir sind drei Freunde und erkunden gemeinsam den Wald." Die Maus piepst erstaunt: "Ihr seid befreundet? Aber ihr seid doch so verschieden." Bruno, Shila und Sabine reden alle durcheinander: "Das ist doch egal. Wir können doch trotzdem befreundet sein. Auch wenn wir anders sind. Und auch wenn einer von uns etwas nicht kann, was die anderen können, dann helfen wir uns halt gegenseitig." Sie erzählen Friedolin und Gabi, wie sie sich kennen gelernt haben und dass es ihnen egal ist, dass Bruno nicht so schnell laufen kann, dass das Shila nicht auf Bäume klettern kann und dass Sabine nicht riechen kann.
Friedolin und Gabi sind auf einmal sehr nachdenklich. Dann meint der Hase: "Hm, es gibt auch etwas, was ich nicht kann. Ich kann nichts tragen. Durch mein Hoppeln kann ich nichts richtig festhalten und deshalb auch nichts tragen." Und die Maus piepst: "Und ich kann nicht laut reden. Auch wenn ich mich noch so sehr anstrenge, überhören mich viele immer." Bruno fragt: "Wollt ihr nicht auch unsere Freunde werden und gemeinsam mit uns den Wald erkunden?" Friedolin und Gabi sind sofort einverstanden und freuen sich darüber, dass sie nun schon zu fünft sind.
Auf einmal wackelt die Erde unter Gabi. Erschrocken läuft sie auf Bruno zu und versteckt sich hinter ihm. Die Erde wird von unten hochgedrückt. Zuerst können die fünf Freunde gar nichts erkennen. Doch dann sehen sie zwei Pfoten mit langen Krallen dran und eine dunkle Nase, die langsam aus der Erde hervorgestreckt wird. "Hallo, ist hier jemand?" kommt es aus der Erde. "Ja, wir sind hier. Wir sind fünf Freunde, die den Wald erkunden wollen. Und wer bist Du?" antwortet Bruno. "Ich bin Alfred. Ich bin ein Maulwurf. Was für Tiere seid ihr denn?" fragt der Maulwurf, der jetzt fast ganz aus der Erde herausgekrabbelt ist. Erstaunt meint Sabine, die Meise: "Das sieht man doch. Wir sind ein Bär, ein Reh, eine Maus, ein Hase und eine Meise." Verlegen sagt Alfred: "Ich sehe leider über der Erde nicht sehr viel. Hier ist es mir zu hell. Deshalb bin ich auch meistens unter der Erde unterwegs." Gabi, die Maus, piepst aufgeregt: "Das ist ja witzig. Dann gibt es ja auch etwas, was Du nicht so gut kannst. Wir haben alle etwas, was wir nicht so gut können." Jeder erzählt Alfred nun, wobei sie Schwierigkeiten haben. Gemeinsam beschließen sie, auch Alfred in ihren Freundeskreis aufzunehmen.
Die neuen Freunde haben sich viel zu erzählen. Sie beschließen, nicht weiter in Richtung Fluss zu gehen, sondern sich gemeinsam auf den Weg in Richtung Bärenhöhle zu machen. Unterwegs lernen sie sogar noch mehr neue Freunde kennen. Da ist Willibald, die dicke Raupe, die für alles etwas mehr Zeit braucht und die sehr langsam ist. Oder Sybille, der Schmetterling, der nicht schwimmen kann und Angst vor Wasser hat. Oder auch der Igel Johann, der nie kuscheln und schmusen kann, weil jeder Angst hat, sich an seinen Stacheln zu pieksen. Oder Otto, die Kreuzotter, die nicht so richtig gut hören kann.
Als die Bärenmama nachmittags aus ihrer Höhle kommt, traut sie zuerst ihren Augen nicht. Sie sieht eine Gruppe von Tieren auf sich zukommen, mittendrin ihr kleiner Bruno. Alle unterhalten sich eifrig und haben Spaß miteinander, auch wenn sie sehr verschieden sind. Bruno läuft seiner Mutter entgegen, umarmt sie und will ihr sofort all seine neuen Freunde vorstellen. Die Bärenmama macht für alle Kakao und Waffeln. Auch der Bärenpapa kommt vor die Höhle. Gemeinsam essen und trinken sie und lernen sich kennen, mit all den Schwächen und Besonderheiten, die jeder von ihnen hat.
Von diesem Tag spielte Bruno jeden Tag mit seinen neuen Freunden. Entweder kamen sie ihn besuchen oder er ging in den großen Wald, um mit ihnen zu spielen. Und dass jeder von ihnen irgendetwas nicht so gut konnte, war für sie alle nicht wichtig.
Autor: : root -- 22.3.2007 17:47:26
Dieser Artikel wurde bereits 11100 mal angesehen.
147758 Besucher
Kommentar von am 5.9.2006 21:34:43
Kommentar zu Der etwas andere Bär Bruno
Diese Geschichte finde ich echt klasse. Super geschrieben.